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26
Dezember
2021

Ersteindruck - »Beauty Water« hält der koreanischen Gesellschaft den Spiegel vor

geschrieben von 

Warum immer auf eine Review nach Abschluss der Serie warten, wenn man sich schon nach der ersten Episode beziehungsweise dem ersten Band einen Eindruck bilden kann? Da setzt Ersteindruck an und gibt schon einmal einen Ausblick darauf, ob es sich lohnt, dem Anime oder Manga eine Chance zu geben oder nicht.

Beauty Water - Visual
Titel: Beauty Water
Genre: Horror, Thriller
Studio: Studio Animal
Jahr: 2020
Länge: 1h 26min
Publisher: Kazé Anime
Kinostart: am 28. Dezember im Kino

Mit »Beauty Water« kommt ein südkoreanischer Animationsfilm in die deutschen Kinos, den ich ohne den Erfolg von »Parasite«, »Squid Game«, Webtoons oder den Serien und Filme des südkoreanischen Animationsstudios Mir wie »Die Legende von Korra« oder »The Witcher: Nightmare of the Wolf« so nicht auf dem Plan gehabt hätte. Der Film war auch nach Veröffentlichung im gleichen Jahr schon für einen Preis beim Annecy International Animated Film Festival nominiert und gewann als erster koreanischer Preisträger beim 46. Boston Science Fiction Film Festival. Er basiert auf einem gleichnamigen koreanischen Webtoon, der im Sammelwerk »Tales of the Unusual« veröffentlicht wurde. Ob »Beauty Water« diesem Vertrauensvorschuss gerecht wird? Metal Dango geht dieser Frage auf den Grund.

(Zusammenfassung)

Eigentlich will Yaeji nur geliebt werden. Doch die Assistentin der schönen Schauspielerin Miri ist vollkommen unzufrieden mit ihrem Äußeren – und mit ihrem ganzen Leben. Nach kontinuierlichen Schmähungen und einer heftigen Cybermobbing-Attacke verkriecht sie sich in ihrem Zimmer, doch eine unerwartete Lieferung des mysteriösen »Beauty Water« verspricht alles zu verändern. Mithilfe des Wunderwassers, einer Menge Geld und einer zwielichtigen Kosmetikerin verwandelt sich Yaeji tatsächlich in einen schönen Schwan. Und siehe da: Die Männer und das Showbusiness liegen ihr sofort zu Füßen. Doch der Drang, noch schöner und erfolgreicher zu sein, führt unweigerlich in eine blutige Katastrophe. Denn die falsche Anwendung des Beauty Water hat Nebenwirkungen – die nicht nur für Yaeji verstörende Folgen haben …

Kazé Anime

Minus Plakativ einseitige Protagonistin

Beauty Water - Frame 1©2020 SS Animent Inc. & Studio Animal & SBA

Mit Yaeji in der Hauptrolle, einer nicht gerade den Schönheitsidealen entsprechenden jungen Frau, konstruierten die Macher die perfekte Kundin für das Produkt Beauty Water. Da sie diesen Idealen nicht entspricht und mit ihnen als Visagistin für eine Modellagentur sogar tagtäglich konfrontiert wird, ist sie verständlicherweise nicht mit sich selbst zufrieden und hat deshalb einen wunden Punkt.

Sie fühlt sich zwar unwohl mit ihrer physischen Form, hat aber kein echtes Interesse gezeigt, etwas an sich zu ändern, bevor sie ausgewählt wurde, das Beauty Water auszuprobieren. Der Film stellt das vor allem plakativ anhand ihres Lebensstils dar: Yaeji ernährt sich ungesund, trinkt viel Bier und verlässt außer für die Arbeit nie die Wohnung ihrer Eltern, wo sie lebt.

Grundsätzlich hat man als Zuschauer nicht den Eindruck, dass sie vor Motivation oder Elan zerspringt. Dies wird mit ihrer Vergangenheit begründet. Wegen eines Traumas, was sich schlussendlich für mich als keines herausstellt, hat sie das Ballett aufgegeben … und das ist nicht das einzige Mal, dass der Film über dieses “Trauma” stolpert: Relativ gegen Ende gibt es eine Szene, die man so verstehen kann, dass sie als weniger “schöner” Menschen jegliche persönliche Niederlage auf die Schönheit der anderen schiebt, anstatt sich weiter anzustrengen. Das mag in ihrem konkreten Fall ein Aspekt sein, greift aber denkbar kurz.

Dadurch, wie Yaeji von ihren Mitmenschen aufgrund ihres Aussehens und geringen Selbstvertrauens behandelt wird, hat sie ein schlechtes Menschenbild sowie Neid auf die von der Gesellschaft als schön deklarierten Menschen entwickelt. Sie findet so etwas wie Erfüllung im Internet, als sie negative Kommentare und Hass verbreitet. Statt Opfer ist sie plötzlich Täterin.

Nach dem optischen Wandel von der Raupe zum Schmetterling hat sich entsprechend nur ihr Äußeres “verbessert”. Ihr Inneres ist zwar nicht mehr neidisch auf die Schönen, da sie nun selbst zu diesen gehört, dennoch ist sie erfüllt von negativen Gefühlen und Verhaltensweisen. So nutzt sie Männer aus und beurteilt sie nur noch nach Verdienst und Aussehen. Sie wird arrogant und sieht genauso auf alle herunter, wie auch sie verachtet wurde.

So plakativ wie sich Yaeji verhält, waren für mich ihre weiteren Handlungen teilweise schon sehr vorhersehbar. Für mich wirkt sie sehr einseitig geschrieben und es stechen nur ihre negativen Charaktereigenschaften hervor – ihre positiven Charaktereigenschaften gehen unter. Als hätte man sie sich nur für die Rolle des Opfers ausgedacht. Hätte sie ein nachvollziehbareres Trauma und wüssten wir mehr über ihre Vergangenheit, wäre sie keine Figur, die nur für die Kernaussagen des Films herhalten muss.

Mixed Inhaltslücken und offene Fragen

Beauty Water - Frame 2©2020 SS Animent Inc. & Studio Animal & SBA

Das Beauty Water als Plot Device, das die Geschichte ins Rollen bringt, wirft für mich auch so einige Fragen auf. Obwohl man gleich zu Beginn ein antiquiert wirkendes Werbevideo dazu zu sehen bekommt, fehlen für mich essentielle Informationen. Die Wirkung und Anwendung wurden einprägend erklärt und oft im Film gezeigt. Wer zum Beispiel dieses Mittel tatsächlich erfunden hat, ist unklar. Ebenso hätte ich mir noch eine Erklärung gewünscht, weshalb das Mittel exakt diese Wirkung hat. Ob die Inhaltsstoffe erfunden wären oder real, hätte diesbezüglich für mich keine Rolle gespielt.

Der Schauspieler, mit dem Yaeji im Laufe der Geschichte in Kontakt kommt, ist für mich ebenfalls ein großes Fragezeichen. Seine Vergangenheit und Hintergrundgeschichte waren ziemlich plump erklärt. Bis auf einen Monolog, den er seinen Opfern auftischt und der nicht weiter bebildert wurde, bleibt sein Leben ein wohlgehütetes Geheimnis. Einen Grund, weshalb er so handelt, wie er handelt, war mir leider nicht wirklich ersichtlich. Das einzig Spannende an seiner Figur ist, dass man ihn durchaus mit Jean-Baptiste Grenouille aus »Das Parfum« vergleichen kann. Ob dies bewusst oder unbewusst in die Geschichte eingeflossen ist, würde mich durchaus interessieren.

Plus Kritik an der Gesellschaft und Beauty-Industrie

Beauty Water - Frame 3©2020 SS Animent Inc. & Studio Animal & SBA

Positiv fällt mir an diesem Werk die mehr oder minder subtile Kritik an der Gesellschaft und der Beauty-Branche auf.

Auf der einen Seite bezieht sich diese auf die Personen mit Macht und Geld, die aufstrebende Stars und Sternchen für ihr Ego hinters Licht führen und ausnutzen – das wurde hier gut mit der Schauspielerin Miri dargestellt, die sich für einen potenziellen Karrieresprung auf sexuelle Ausbeutung einlassen soll.

Auf der anderen Seite stellt »Beauty Water« das Leben von Übergewichtigen in Südkorea dar. Pauschal wird hier gesagt: Übergewichtige Personen haben ein schlechtes Leben und erleben Verachtung von allen Seiten. Verständnis für die vielseitigen Gründe, weshalb Menschen übergewichtig sein können, zeigt der Film kaum. Bei mir hat das den Eindruck hinterlassen, dass die koreanische Welt und dessen Medien schon sehr oberflächlich sind. Eventuell diente das als Vorhalten eines Spiegels, damit Branche, Medien und Konsumenten ihr Denken kritischer hinterfragen. Für jemanden, der an Übergewicht leidet, ist der Film dann allerdings eher Teil des Problems.

Ebenso bringt dieses idealisierte Schönheitsbild für Yaeji vor allem eines mit sich: Druck. So auszusehen, wie es von der Gesellschaft als perfekt angesehen wird, erfordert regelmäßige Anstrengungen. Das »Beauty Water« wird hier als Abkürzung dargestellt, die Yaeji immer häufiger nutzt. Wie ein Teufelskreis wird hier die Übernutzung und Abhängigkeit dargestellt, die sich ab einem gewissen Grad in eine nicht mehr kontrollierbare Sucht verwandelt.

Das Schicksal von Miri hat auch eines gezeigt: Äußere Schönheit und Charakter sind zwei unterschiedliche Dinge. Ein Mensch, der schon vorher einen schlechten Charakter hatte, macht eine schöne Hülle auch nicht zu einem besseren Menschen.

Fazit:

Trotz der flachen und plakativen Charaktere, die dem Drama eine passende Bühne bereiten sollen, und der teilweise lückenhaften Story ist »Beauty Water« ein wahrlich düsteres Beauty-Erlebnis. Für Thrillerfans, die sich gerne in menschliche Abgründe wagen, oder Horrorfans, die sich vor ein paar Fetzen Haut nicht Bange machen, lohnt es sich dennoch.

»Beauty Water« ist bundesweit am 28. Dezember 2021, 4. Januar 2022 sowie 25. Januar 2022 mit deutscher Synchronisation in über 200 teilnehmenden Kinos in Deutschland und Österreich zu sehen. Der Film erscheint am 17. Februar 2022 auf Disc.

Metal Dango

Metal Dango liest in ihrer Freizeit Manga, Comics und Webtoon und trägt gerne J-Fashion.

Webseite: twitter.com/MetalDango

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